Nicht ohne Gegenwind!
Über facebook haben viele die Kritik bereits geteilt: eine Serie wie “MOM-MILF oder Missy” provoziert nicht nur, sie ist reiner Sexismus. Hier findet ihr eine Vorlage, die ihr kopieren/ergänzen könnt, um eure Meinung an die Produzent_innen heranzutragen.
An: info@joyn.de
Betreff: Kritik an Ihrer Serie „M.O.M-MILF oder Missy?“
Liebes Joyn-Team,
ich wende mich an Sie mit einigen konkreten Kritikpunkten an Ihrer neu ausgestrahlten Serie „M.O.M-MILF oder Missy?“. Anhand der folgenden fünf Punkte möchte ich Ihnen beschreiben, warum diese Serie insbesondere (aber nicht nur!) in Zeiten von Corona, in denen Mütter jene Gesellschaftsgruppe sind, auf die eine Großlast der Konsequenzen der Pandemie abgewälzt werden, eine zynische ist.
1.) Ich bin wütend.
Mit Beginn der weltweiten Corona-Krise wird über die Belastungen des Mutterseins medial lauter gesprochen denn je (z. B. Kita-Schließungen, #CoronaElternRechnenAb uvm.). Endlich! Denn all die Arbeit, die Mütter weltweit täglich verrichten, ist sonst nur allzu oft eine unsichtbare und unbezahlte (z. B. füttern, wicklen, trösten, planen, schlichten, zuhören). Dass in dieser Zeit von Ihnen nun ausgerechnet ein Bild von Mutterschaft auf Plakate gedruckt und online streambar wird, das sich um die – auf den Punkt gebracht – (von Männern definierte) Fickbarkeit ebendieser Mütter dreht, macht mich nahezu fassungslos.
2.) Frauen als sexuelle Objekte von Männern:
Der Ausdruck MILF („Mutter, die ich gern ficken würde“) macht deutlich, wer diese Fickbarkeit bestimmt: das „Ich“ darin ist ein Mann, was sonst. Denn der soll sich in Ihrer Serie ja letztendlich entscheiden. Dass Männer die Attraktivität von Frauen bestimmen, spitzt sich in Ihrer Serie dadurch zu, dass vierzehn Frauen um zwei Männer konkurrieren sollen. Für manche mag MILF dabei eine Selbstbeschreibung sein, für sehr viele (mich eingeschlossen) aber fühlt sie sich mehr nach einer sexuellen Objektivierung an. All diese Bilder reproduzieren die alte Laier (gegen die so viele Frauen schon so lange kämpfen): Frau = Sexualobjekt des Mannes. (Sie erinnern sich? Dass eine Ehe nicht gleichbedeutend damit ist, dass ein Mann unbegrenzten Zugriff auf den Körper „seiner“ Frau hat, ist Resulat dieser Kämpfe und Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 unter Strafe gestellt).
3.) Reale Mutterschaft statt MILFs:
Es ist sicherlich Teil Ihres Marketings, bei der Bezeichung der Hälfte der Frauen Ihrer Serie, auf ein beliebtes Porno-Genre zurückzugreifen, oder? Ich vermute, Provokation soll sich bezahlt machen. Leider ist Ihre Serie jedoch keine nett gemeinte Provokation, sondern reiner Sexismus. Ihre Titelwahl setzt durch das Wortspiel MOM, in dem die MILF und die Missy ja drinstecken, die kindliche Bezeichnung „Mama“ („Mom) und männliche Sexfantasien (MILF) in einen direkten Zusammenhang. Statt Mutterschaft dermaßen sexualisiert und aus einem männlichen Blick heraus zu thematisieren, wäre ich Befürworterin davon, Serien über die tatsächlichen Herausforderungen von Mutterschaft zu produzieren (z. B. über die damit oft einhergehende Isolation, über Stigmatisierungen bestimmter Mütter, die nicht dem gesellschaftlichen Ideal entsprechen, und ja, sehr gern auch über das Thema Sexualität und Mutterschaft: wie kann lustvoller Sex in den Monaten nach einer Geburt aussehen? Wie verändern sich Körper durch Geburten? Wie definieren wir eigentlich Attraktivität uvm.)
4.) Apropos Attraktivität:
Es muss Ihnen ja selbst schon aufgefallen sein. Die Auswahl Ihrer Kandidaten und Kandidatinnen verfehlt die realistische Darstellung unserer Gesellschaft so sehr, dass es wehtut. Ihre Auswahl bedient ein einziges Frauenbild: weiß, schlank, geschminkt, sehr dünn bekleidet. Ihre Kreativität war vielleicht noch pandemiegebeutelt. Aber eigentlich hat das gar nichts mit Kreativität zu tun, sondern schlicht mit Realität. Schauen Sie sich doch mal um. Das Wort Diversität dürfte auch Ihnen mittlerweile nicht mehr völlig unbekannt sein. Sie bedienen mit Ihrer Auswahl von Frauenkörpern ein überkommenes, sehr unmodernes Frauenbild, das Sie dann auch noch mit Attraktivität verknüpfen. Schade. Ich dachte, im Jahr 2020 wären wir schon ein paar Schritte weiter.
5.) Noch einmal zurück zum Zeitpunkt:
Nun kommt Ihre Serie in einer besonderen Zeit auf den Markt. Das hätten Sie eigentlich im Marketing bedenken können, dass das nicht ganz kritikfrei bleiben wird. Ist Ihnen vielleicht aufgrund von HomeOffice mit Kindern durchgerutscht, shit happens. Es ist jedenfalls eine Zeit, in der Millionen von Müttern nicht nur um das finanzielle Überleben kämpfen müssen, sondern im Vergleich zu Vätern viel mehr der zuhause anfallenden Arbeiten übernehmen. In ersten Studien zeichnet sich bereits ab, dass die Corona-Krise eine vergeschlechtlichte ist; dass also Frauen ihre Erwerbstätigkeit zurückstellen und mehr Carearbeit übernehmen, während bei Männern die Erwerbsarbeitszeit nahezu unbeeinträchtigt bleibt. Es ist eine Zeit, in der Eltern zudem auch darum kämpfen müssen, von der Politik überhaupt nur gesehen zu werden, in der Bundesligaspiele (zuerst die der Männer, wohlgemerkt) vor den Kindergärten wiedereröffnet werden. Da ist so eine Serie wie M.O.M purer Zynismus, finden Sie nicht auch?
Zusammengefasst würde ich Sie gern fragen: wieso kamen Sie eigentlich nicht auf die Idee, statt über Fickbarkeit und Konkurrenz zu drehen, eine Serie zu entwerfen, die sich mit Multitasking, Organisationstalenten, Mental Load, kurz: M.O.Ms, befasst? Ist wahrscheinlich zu nah am echten Leben, wäre ja langweilig. Oder?
Ich freue mich auf Ihre Antwort!